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Zwei "uber dem Abgrund

Aus dem Vorwort des Regisseurs Leon`id Che`ifez zur Ver"offentlichung des St"ucks in der Zeitschrift „Zeitgen"ossische Dramaturgie“.

Ich habe das Lesen diese St"ucks lange vor mir hergeschoben. Ich wollte es „mit n"uchternem Kopf“ lesen. Es klappte nicht. Dann entschied ich mich f"ur die einfachste Variante: Ich lese den Anfang und dann st"uckweise und nach M"oglichkeit. Ich begann zu lesen. Der Funke sprang "uber. Ich musste eine Pause machen. Aber ich wollte noch ein St"uckchen lesen… Und dann las ich alles „in einem Atemzug“ durch.

F"ur mich ist das ein Wunder. Vielmehr ein seltener Fall. Ich habe schon lange kein St"uck mehr auf einmal bew"altigt. Ich war wie berauscht. Ich unterrichte im Institut, probe im Theater… Und dann hat Valentin Krasnogorov so ein St"uck geschrieben. Man kann sagen, eine meisterliche Arbeit. Blendend aus handwerklicher Sicht. Auch zu heutigen Zeiten eine seltene Sache. Wort f"ur Wort „ins Schwarze“. Wo gibt es jetzt noch so eine Dramaturgie? Halloooo!?

Ich wiederhole und bestehe darauf: Das St"uck ist blendend gemacht… Hinter der meisterhaften Ausf"uhrung der Dialoge schl"agt der Puls heissen Bluts.

Handelnde Personen:

Er

Sie

Immer wieder, ob wir der Liebe Landschaft auch kennen

und den kleinen Kirchhof mit seinen klagenden Namen

und die furchtbar verschweigende Schlucht, in welcher die anderen

enden: immer wieder gehn wir zu zweien hinaus

unter die alten B"aume, lagern uns immer wieder

zwischen die Blumen, gegen"uber dem Himmel.

Aus: R.M.Rilke, Die Gedichte 1910 – 1922 (Ende 1914)

Erster Akt

Saal eines Hotelrestaurants. Sp"at abends, das Restaurant ist fast leer. An einem der Tischchen, isst ein Mann mittleren Alters, sich nicht beeilend, zu Abend und liest, scheinbar zerstreut, handschriftliche Aufzeichnungen.

Einige Tische weiter entfernt sitzt eine gut gekleidete, anziehende Frau im besten Alter. Sie trinkt gem"achlich Kaffee. Mann und Frau achten scheinbar nicht aufeinander. Obwohl sie ihm unbemerkt einige Blicke zuwirft. Der Mann klopft mit dem Messer an sein Glas, nachdem er den Saal mit Blicken nach dem Kellner abgesucht hat.

Die Frau, offenbar einen Entschluss gefasst, steht auf und tritt an seinen Tisch.

SIE: Entschuldigen Sie, ist hier frei?

Der Mann hebt den Kopf, sieht sich im leeren Saal um und schaut erstaunt auf die Frau.

SIE: Ich frage, ist hier frei?

ER: Ja, frei.

SIE: Kann ich mich auf diesen Stuhl setzen?

Er r"aumt unwillig die auf dem Stuhl liegende Aktentasche weg.

ER: Ja, bitte.

Sie setzt sich. Er nimmt aus der Tasche ein Papier und vertieft sich demonstrativ darin, einige Korrekturen machend. Sie h"angt ihr T"aschchen an die Lehne des Stuhls, richtet ihre Frisur und setzt sich bequemer auf dem Stuhl zurecht. Man merkt, dass sie sich „auf l"angere Zeit einrichtet“.

SIE: Entschuldigen Sie, haben Sie Streichh"olzer?

ER: (Sich vom Lesen abwendend) Was?

SIE: Ich frage: Haben Sie Streichh"olzer?

ER: Ich rauche nicht.

SIE: Schonen Sie die Gesundheit?

ER: Ich rauche einfach nicht.

SIE: Recht so. Ich rauche auch nicht.

ER: Warum haben Sie dann um Streichh"olzer gebeten?

SIE: Ich habe nicht darum gebeten. Ich wollte einfach wissen, ob Sie welche haben oder nicht.

ER: Angenommen, nicht. Was dann?

SIE: Nichts.

ER: Und wenn ich welche habe?

SIE: Auch nichts.

ER: Der Versuch, ein Gespr"ach anzufangen?

SIE: Vielleicht.

ER: Gehen Sie davon aus, dass er nicht geklappt hat.

SIE: "Uberhaupt, geht man davon aus, – und ich weiss nicht warum, dass ein Gespr"ach anzufangen, dem Herren zusteht.

ER: Wenn er das will.

SIE: Und Sie wollen nicht?

ER: Und ich will nicht.

SIE: Nun denn, dann werden wir eben gemeinsam schweigen.

Er bem"uht sich erneut, das Dokument zu lesen. Sie schaut ihn schweigend an.

ER: (Wendet sich gereizt vom Lesen ab.) Warum starren Sie mich an? Was wollen Sie?

SIE: Nichts. Vielleicht Sie ein bisschen reizen.

ER: Weshalb?

SIE: Ich weiss nicht. Wahrscheinlich aus Langeweile.

ER: Gehen Sie, vergn"ugen Sie sich woanders.

SIE: Ist Ihnen denn nicht langweilig? Sie sind zugereist hier, in einer fremden Stadt k"onnen Sie nichts unternehmen…

ER: Warum gehen Sie davon aus, dass ich zugereist bin?

SIE: Wer kann denn noch sp"at abends in einem Hotelrestaurant mit der Aktentasche sitzen und irgendein tristes Schriftst"uck lesen?

ER: Und Sie schlagen mir vor, mich zu vergn"ugen?

Sie antwortet nicht. Er schaut sie zum ersten Mal aufmerksam an und sch"atzt sie von Kopf bis Fuss ab.

SIE: (Seinem Blick folgend richtet sie sich auf, r"uckt die Schultern zurecht und fragt leicht ironisch, dabei posierend.) Nun, gef"allt's?

ER: (Ungern zugebend.) Nicht schlecht.

SIE: Danke. Also, vielleicht machen wir uns endlich bekannt?

ER: Danke f"ur den Vorschlag, aber ich bin kein Liebhaber von leichten Bekanntschaften.

SIE: Aber warum gehen Sie davon aus, dass die Bekanntschaft mit mir leicht wird? Ich verspreche, dass sie schwierig wird.

ER: Sie wird… "uberhaupt nichts.

SIE: Aber sie hat doch schon stattgefunden.

ER: Nichts dergleichen. Ich kenne Sie nicht und will Sie nicht kennen.

SIE: Warum denn so schroff?

ER: Um gleich den Punkt auf das I zu setzen. Geh und fang dir einen anderen Mann! (Steckt entschlossen das Papier in die Aktentasche.)

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